JUST A DIARY Katharina Middendorf’s Blog

10. Juni 2008

Zum Dahinschmelzen: Like Ice in the Sunshine.

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„Die Menschen hier sind totaaaal warmherzig“, höre ich mich kulturbeflissen durchs Handy verkünden. ‚Total warmherzig‘, äffe ich mich in Gedanken nach. ‚Geht´s noch klischeehafter?‘ Während ich mich gerade als arroganten Kultursnob diffamiere, wird mir plötzlich tatsächlich ganz warm ums Herz. Und zwar durch ein Eis.

Gerade noch sehe ich den Eismann auf seinem klapprigen Fahrrad und mit lautem Gebimmel um die nächste Ecke biegen. Gute 10 Meter vor mir steht ein Mann in der Hauseinfahrt und winkt. Dass er mich meint, erkenne ich erst auf den dritten Blick, da ich mal wieder nichts sehe. Grund: Meine Kontaktlinsen nehmen gerade ein Peroxyd-Bad und meine Brille ist hässlich.

Mit zusammengekniffenen Augen und Handy am Ohr gehe ich auf ihn zu, blicke ihn fragend an. Statt mir zu antworten, dreht er sich um und winkt in die Einfahrt hinein. Ein kleiner Junge tritt aus dem Halbdunkeln zu mir in die Sonne. Der Vater stellt sich hinter ihn, die großen Hände auf den kleinen Schultern. Beide sehen mich erwartungsvoll an. Ich schaue noch erwartungsvoller zurück. PAUSE.

„Take it!“ sagt der Vater schließlich und schubst seinen Sohn sanft in meine Richtung. ‚Take it?‘, denke ich. Was genau? Den Jungen? Die deutsche Stimme in meinem Ohr fragt, ob ich noch da bin. „Äh ja, klar. Warte mal, ich glaube hier schenkt mir gerade jemand sein Kind…“

„Please Madame, TAKE IT!!!!!“ Die Aufforderung wird eindringlicher. Daran ändert auch das PLEASE nichts. ‚Jaja, moment‘. Man wird sich sein zukünftiges Adoptivkind ja wohl noch mal genauer anschauen dürfen. Ich betrachte den kleinen Jungen. Er hält in jeder Hand ein Eis. Schoko in der linken. Erdbeere in der rechten.
„FOR YOU!“, die kleine Patschehand reicht mir das Schokoeis. ACHSO, Taken soll ich das Eis, nicht den Jungen; was ich aber nicht weniger überraschend finde. Schließlich bin ich eine Fremde, verdiene an einem Tag soviel wie die ganze Familie in einem Monat und halte unverschämterweise immer noch das sinnlose Handy ans Ohr.

Und trotzdem: Sie haben mich ausgewählt, um mich zu beschenken. Und zwar als ich gerade begann, oberflächliche Plattitüden zu klopfen. Genau in diesem Moment haben sie die dahergesagte Floskel wahr werden und mein Herz dahinschmelzen lassen. Durch ein Eis. Eine Geste. Mitten auf der Straße. Mitten im Sommer.

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